Offizielle staatliche Argumentation zur Streckenstillegung der Schmalspurbahn Wolkenstein – JöhstadtDie Stillegung der Schmalspurbahn Wolkenstein-Jöhstadt zwischen 1984 und 1986 brach nicht völlig überraschend auf die Eisenbahn hernieder, die sozialistische Planwirtschaft hatte durch den gezielten Einsatz des „Mangels“ als Kapazitätssteuerungsmittel bereits seit den 1960er Jahren dafür gesorgt, daß die Technik und Infrastruktur nur noch auf Verschleiß beansprucht wurde. Spätestens Anfang der 1980er Jahre stand fest, daß die Schmalspurbahn zwischen Wolkenstein und Jöhstadt nur durch größere Investitionen zu retten wäre. Bereits zu diesem Zeitpunkt interessierten sich Eisenbahnfreunde für die Zukunft der Strecke, schickten Anfragen und Eingaben an die verschiedensten staatlichen Stellen, um wenigstens so das offizielle Schweigen in den Medien der DDR zu umgehen. Antworten auf Anfragen, deren Inhalt sich aus den nachfolgend wiedergegebenen Schriftstücken ergibt, bieten uns heute interessante Einblicke in die offizielle Argumentation der staatlichen Stellen zur Stillegung der Strecke. Rat des Kreises Marienberg An Sehr geehrter Herr Otto! In den folgenden Jahren bis 1980 wurde in gewissen Zeitabständen unter Führung der Arbeitsgruppe Schiene/Straße beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt die Schließung der Schmalspurbahn mehrfach in Erwägung gezogen, aber nicht realisiert. Aufgrund der Wichtigkeit des VEB DKK Niederschmiedeberg und weiterer an der Schmalspurstrecke Wolkenstein - Jöhstadt liegender Betriebe für unsere Volkswirtschaft, besonders für den Gütertransport, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt und auch für die kommenden Jahre eine Schließung der genannten Schmalspurbahn nicht vorgesehen. Dies wird noch dadurch untermauert, daß die ständige Treibstoffeinsparung transportseitig neue Maßstäbe setzt, wodurch die Deutsche Reichsbahn besonders in den letzten Monaten umfangreiche Verlagerungstransporte von der Straße auf die Schiene übernehmen mußte. Auch ist die Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt für viele Bürger unserer Republik eine gewisse Touristenattraktion geworden. Obwohl die Transportkapazität der Schmalspurbahn sehr begrenzt ist und kaum Steigerungsraten zuläßt, wird auch weiterhin ein großer Teil der Kühlschränke auf Rollwagenbetrieb bis Wolkenstein gefahren, und nur wenige Waggons werden direkt auf dem Bahnhof Wolkenstein (besonders am Wochenende) mit Kühlschränken beladen. Der jetzige schlechte Zustand der Straßentrasse von Wolkenstein – Jöhstadt (umfangreiche Erneuerungsarbeiten der Straßenoberfläche, an Stützmauern usw. notwendig) läßt auch keinen ausschließlichen Direkttransport der Kühlschränke von Niederschmiedeberg–Wolkenstein auf der Straße zur Breitspurverladung zu.
Außerdem steht dafür im Zuge der Treibstoffeinsparung der erforderliche Dieselkraftstoff nicht zur Verfügung. Auf Grund dieser Tatsache wird auch weiterhin die Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt ihren Platz im Transportgeschehen einnehmen. Wenige Monate später, Ende November 1982, wurde der Güterverkehr zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt eingestellt. Anlaß dazu bot ein Unfall im Bahnhof Steinbach, der auf den schlechten Oberbauzustand zurückzuführen war. Bereits ein Jahr später waren die Stillegungspläne weiter vorangeschritten, wie aus einem entsprechenden Schreiben hervorgeht: Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt Sehr geehrter Herr Otto! Voraussetzung dazu ist in jedem Fall die Durchführung von Bauarbeiten am Straßennetz des Einzugsbereiches der Schmalspurbahn. Terminlich ist derzeitig der Abschnitt Niederschmiedeberg – Jöhstadt für das Jahr 1984 zur Stillegung vorgesehen.
Weitere, im volkswirtschaftlichen Erfordernis notwendigen Verlagerungen zum Verkehrsträger Eisenbahn scheitern im Einzugsbereich der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt an der technisch-technologisch bedingten begrenzten Leistungsfähigkeit der Schmalspur Eisenbahn. Zur Lösung dieses Widerspruchs wurde am 6.10.1983 in Annaberg ein Großcontainerumschlagplatz in Betrieb genommen, der vorrangig die Güter des VEB dkk Niederschmiedeberg übernehmen wird und weitere Möglichkeiten zur Verlagerung Straße/Schiene eröffnet.
Diese Maßnahme dient der Durchsetzung der einheitlichen Verkehrspolitik in der DDR in Abstimmung zwischen den örtlichen Staatsorganen und den Verkehrsträgern Kraftverkehr und Eisenbahn. Besonderes Augenmerk in dieser Argumentation ist vor allem dem Fakt zu widmen, daß notwendige Investitionen in den Straßenausbau zwar erkannt wurden – überflüssig darauf hinzuweisen, daß sich am schlechten Straßenzustand aber noch keine positive Veränderungen ergeben hatten. Auch das im Folgenden wiedergegebene Schreiben bietet neue interessante Argumente zur vorgesehenen Stillegung der Schmalspurbahn: Ministerrat der DDR Werter Herr Otto! Die Aufrechterhaltung des Güterverkehrs auf den Schmalspurbahnen erfordert hohe volkswirtschaftliche Aufwendungen, wie z.B. die Neubeschaffung von Rollwagen, ohne daß ein energetischer Effekt wirksam wird. Auch die Unterhaltung der Gleisanlagen erfordert einen hohen manuellen Einsatz an Arbeitskräften und Material. Diese Kapazitäten der Gleisunterhaltung werden dringend in unserem Normalspurnetz benötigt. Auch die Neubeschaffung von Rollwagen erfordert hohe materielle und finanzielle Mittel, die nicht zur Verfügung stehen. In diesem Zusammenhang gestatten Sie uns, noch ein paar Bemerkungen zum Energiebedarf auf den Schmalspurbahnen zu machen. Der spezifische Energiebedarf auf den Schmalspurbahnen ist erheblich höher als auf der Normalspurbahn. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen, so z.B. sind zusätzlich die Rollwagen mit ihrer Masse zu bewegen. Dies sind Fahrzeuge der Schmalspurbahn, auf denen Normalspur-Güterwagen verladen und dann auf der Schmalspurbahn befördert werden. Auch die Ausbleibezeiten der Güterwagen im Schmalspurnetz sind erheblich, so daß zusätzlich wertvoller Transportraum der Volkswirtschaft verloren geht. Auf Grund der Beschaffenheit des Güterwagenparkes können nicht alle Normalspur-Güterwagen auf den Schmalspurbahnen befördert werden. Das bedarf zusätzlichen Dispositionsaufwand bei der Auswahl der in eine Schmalspurbahn übergehenden Normalspur-Güterwagen. Hinzu kommt die körperlich schwere Arbeit beim Verladen der Normalspur-Güterwagen auf die Rollwagen auf den Spurwechselbahnhöfen. Mit einzubeziehen in die Betrachtungen ist die Tatsache, dass nur kleine Zugeinheiten auf den Schmalspurbahnen verkehren können, 100 – 250 t Anhängelast. In Vorbereitung des Verkehrsträgerwechsels auf der Schmalspurbahn erfolgten die notwendigen Abstimmungen zwischen der Reichsbahndirektion Dresden und den Territorialorganen (Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, Räte der Kreise Marienberg, Zschopau und Annaberg-Buchholz) sowie mit der Bezirksleitung der SED Karl-Marx-Stadt. Ohne Zustimmung der örtlichen Staatsorgane ist eine derartige Maßnahme nicht möglich. Derzeit ist der Güterverkehrsträgerwechsel für 1984 und der Reiseverkehrsträgerwechsel 1985 vorgesehen.
Wir hoffen, Ihnen mit unseren Ausführungen einen kleinen Einblick in die Problematik der Schmalspurbahnen gegeben zu haben.
Die Ausführlichkeit der Begründung für die vorgesehene Streckenstillegung ist schon beinahe erstaunlich. Fast genau zwei Monate nach diesem Schreiben sollte, für viele Eisenbahnfreunde und auch die im operativen Dienst tätigen Eisenbahner tatsächlich völlig überraschend, die Einstellung des Betriebes auf der Schmalspurbahn zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt erfolgen. Trotz ausreichender „Gründe“ waren sich die zuständigen Stellen offensichtlich doch nicht so sicher, daß ihre Argumentation auf öffentliche Zustimmung stoßen würde. Nur so ist der jahreszeitlich ungünstige und organisatorisch völlig unvorbereitete Stillegungstermin zu verstehen. Deutsche Reichsbahn Werter Herr Otto! Wir bitten Sie dafür um Verständnis und hoffen, dass Ihr Kollektiv ein anderes Reiseziel findet.
Wir empfehlen, wenn eine Fahrt mit einem Reisezug auf einer Schmalspurstrecke gewünscht wird, die Strecke Cranzahl – Oberwiesenthal zu nutzen. Es ist vorgesehen, ab Mai 1984 dort einen Salonwagen (Tradition) einzusetzen, der sich für Brigadefahrten anbietet. Die Bestellungen hierzu können Sie beim VEB Reisebüro der DDR, Zweigstelle Annaberg-Buchholz, abgeben. Der (ausgewählte) Schriftverkehr bietet einen interessanten Einblick in die Argumentation zur Stillegung der Strecke, auf die wir Dank des damaligen Engagements von Klaus Otto aus Marienberg, seit vielen Jahren aktives Mitglied der IGP e.V., Zugriff haben. |