Ein Tag als "Heizerin" auf meiner Lieblingsdampflok
Bericht einer
Außenstehenden
Ich liebe Dampfloks - das ist eine Tatsache. Nicht etwa, daß ich
großartig Ahnung von diesen technischen Wunderwerken hätte. Sie müssen
einfach nur groß und gewaltig sein, bombastisch klingen, gut riechen
und mächtig viel Dampf machen, wenn sie losfahren.
Ich weiß nicht genau, woher dieser Spleen oder besser gesagt diese
Leidenschaft bei mir kommt. Wahrscheinlich liegen die Wurzeln in meiner
Kindheit. Damals fuhren die Stahlrösser täglich an meinem Haus vorbei
und ich liebte sie. Sie beruhigten mich, wenn ich vor Angst nicht
einschlafen konnte, ihr Klang war mir vertraut. Eines Tages, als ich
schon ein großes Mädchen war, fuhren sie nicht mehr und ich vermißte
sie.
Irgendwann begann ich, bei Dampfloksonderfahrten, die es zum Glück hin
und wieder gibt, an die Bahnhöfe zu fahren, um die "Eisernen Ladys" zu
sehen, zu hören und zu riechen. Sie erinnerten mich an meine Kindheit
und ich fühlte mich wohl und geborgen - wie früher. Es ist ein ganz
eigenartiges, kaum zu beschreibendes Glücksgefühl, welches ich habe,
wenn sich die Dampflok in Bewegung setzt. Der bombastische Klang, der
Geruch und wenn sie dann noch pfeift - ich könnte vor Glückseligkeit
ausrasten. Es ist wie eine Sucht.
Zum Glück sorgen Vereine (zum Beispiel der "VSE - Verein Sächsischer
Eisenbahnfreunde") dafür, daß manche von den Dampfloks betriebsbereit
bleiben. Die Männer in den Vereinen verbringen nahezu jede freie Minute
damit, die Stahlrösser zu hegen und zu pflegen. Dies ist nicht nur
zeitaufwendig, sondern für die Vereine auch eine sehr teure
Angelegenheit. Der schönste Dank und die größte Freude der
Vereinsmitglieder ist es dann, wenn bei so einer Sonderfahrt viele
Menschen mit der Dampflok mitfahren und mit ihrem entrichteten Fahrgeld
dazu beitragen, die Lok und die historischen Wagen erhalten zu können.
Ich habe zu Ostern diesen Jahres eine solche Sonderfahrt mitmachen
können. Da fuhr ich das erste Mal mit IHR mit. Die Rede ist von meiner
Lieblingslok – der 50 3616-5. Sie ist eine Spur gewaltiger, schöner und
beeindruckender als alle anderen Dampfloks, die ich je gesehen habe.
"Meine Lok" ist in Schwarzenberg zu Hause und natürlich bin ich jedes
Mal dort, wenn ich weiß, daß sie fährt. So begab ich mich auch im
September diesen Jahres nach Schwarzenberg zum Bahnhofsfest. Da fuhr
"meine Lok" zwischen dem Bahnhof und dem Lokschuppen hin und her, und
man hatte die Möglichkeit, auf dem Führerstand mitzufahren.
Selbstverständlich nutzte ich diese Gelegenheit. Das war dann auch mein
großes Glück. Dem Mann, der die Fahrkarten verkaufte, entging meine
Begeisterung nicht. Ich schwärmte ihm von der Lok vor, er stellte fest,
daß dies für eine Frau doch recht ungewöhnlich ist und so kamen wir ins
Gespräch. Da meinte er schließlich, wenn ich so begeistert sei, könnte
ich doch auch mal den ganzen Tag auf der Lok mitfahren. Am 24. Oktober
diesen Jahres wäre die nächste Sonderfahrt und da könnte ich gleich mal
als Heizerin mitmachen.
Ich konnte es nicht fassen, war das doch einer
meiner größten Träume – den ganzen Tag auf meiner Lok zu verbringen,
jede Anfahrt live und hautnah! Der nette Fahrkartenverkäufer (heute
weiß ich, daß er Thomas Krauß heißt) rührte alles Nötige ein und die
ganze Angelegenheit schien gebongt. Die anschließende
Führerstandsmitfahrt auf "meiner Lok" erfüllte mich mit besonders
großer Glückseligkeit, wußte ich doch, daß ich bald einen ganzen Tag
mitfahren darf. Als dieser besagte Tag dann immer näher rückte, wuchs
auch meine Aufregung. Ich sollte am Vortag schon nach Schwarzenberg
fahren und im Vereinsheim mit übernachten, da es am nächsten Morgen
ganz früh losging.
So fuhr ich am Samstag Abend, dem 23. Oktober nach
Schwarzenberg. Die Männer hatten den ganzen Tag über schon alle Hände
voll mit der Vorbereitung der Lok zu tun. Wir aßen alle gemeinsam
Abendbrot und saßen noch ziemlich lang zusammen. Es sind wirklich alles
sehr nette Leute und nach anfänglicher Schüchternheit fühlte ich mich
bald recht wohl unter den Eisenbahnern und Eisenbahnerinnen. Die Nacht
brachte ich dann irgendwie 'rum (an Schlaf war kaum zu denken) und als
früh ca. 5.30 Uhr "meine Lok" zum Aufstehen pfiff, war ich hellwach.
Dieser liebliche Klang! Ich konnte es kaum erwarten. Wir frühstückten
zusammen und dann schlüpfte ich in meine "Heizerklamotten". 6.45 Uhr
ging's dann endlich los.
Es war ein herrlicher Herbsttag und nicht nur
ich, sondern auch die Sonne strahlte. Das hatten wir auch nicht anders
verdient, meine ich. Das Geniale an dieser Fahrt war, daß das Endziel
der Tour das Oelsnitzer Bergbaumuseum war. Das bedeutete, daß wir auf
meiner "Heimatstrecke" (Rödlitz-Hohndorf-Oelsnitz) entlangfuhren. Ich
war ja so aufgeregt. Auf der Lok waren außer mir noch der Lokführer und
zwei Heizer. Wenn die Lok still stand, durfte auch ich mich hin und
wieder mal als Heizerin probieren. So stand ich wenigstens nicht immer
so untätig herum. Ich weiß jetzt, daß das Heizen einer Dampflok reine
Knochenarbeit ist und gelernt sein will.
Wie jedes Mal verfolgten auch diesmal zahlreiche Eisenbahnfans die Lok.
Sie fotografierten und filmten, was daß Zeug hält. Besonders amüsiert
war ich immer, wenn die Leute mitbekommen haben, daß ich eine Frau
bin. Die erstaunten Gesichter waren herrlich. Einmal rief ein Mann auf
mich zeigend: "Was ist denn daß für ein sonderbarer Heizer? Daß ist
ja eine Frau!" Die Tour dauerte alles in allem fast 12 Stunden. Ich
habe die Lok während dieser Zeit nur ein einziges Mal (zum Verrichten
eines dringenden menschlichen Bedürfnisses verlassen. Ich hätte mir
gewünscht, daß die Fahrt nie zu Ende geht, weil es einfach traumhaft
war! Ich genoß jede Anfahrt "meiner Lok" - besonders die
Scheinanfahrten.
Eine besonders schöne Scheinanfahrt hatten wir in
Lößnitz. Es ging bergauf und weil da die Lok besonderes viel Kraft
braucht, klang sie natürlich auch besonders schön und kraftvoll. Und
dann noch die vielen Menschen, welche die Strecke säumten... Ach, war
daß genial! Ich fühlte mich wie eine Königin. Besonders bewegt war ich
natürlich, als ich an meinem Heimathaus vorbeifuhr und wir dort auch
noch eine Scheinanfahrt machten. Ich strahlte wohl die ganze Zeit wie
ein Honigkuchenpferd. Leider geht aber auch der schönste Tag einmal zu
Ende. Gegen 20.00 Uhr kamen wir wieder in Schwarzenberg an und die
Männer legten die Lady schlafen. Daß hatte sie sich nach diesem
harten, anstrengenden Tag auch verdient.
Für mich ging einer der
schönsten Tage meines Lebens zu Ende. Total dreckig und rußverschmiert
trat ich meine Heimreise an. Ich fiel, nachdem ich wieder einen
sauberen Menschen aus mir gemacht hatte, total glücklich und völlig
fertig ins Bett. Ich dachte an die Männer vom VSE, die nächste Woche
wieder rackern werden, um daß Stahlross von den Spuren ihres Einsatzes
zu befreien, sie zu warten und für den nächsten Einsatz fit zu machen.
Schön, daß es solche Enthusiasten gibt!
Danke für den schönen Tag, Männer!
Janina Baßler