90 Jahre "Strube-Bahn"

Feldbahnen - einst waren sie im Vergleich zum ochsenbespannten Ackerwagen eine Hochtechnologie, später dann eher alltäglich und recht unbeachtet. Und genau so unbeachtet verschwanden sie oft wieder. Wenn also heutzutage eine solche Feldbahn ihren 90. Geburtstag feiern kann, ist das eher schon die Ausnahme. Einmalig dürfte jedoch die wechselvolle Geschichte der "Strube-Bahn" Schlanstedt in Sachsen-Anhalt sein. Eröffnet 1915 als Wirtschaftsbahn der Fr. Strube Saatzucht KG, rund 50 Jahre später als Wirtschaftsbahn des VEG Schlanstedt stillgelegt und abgebaut, ab 1992 eher "aus Versehen" als Museumsbahn wiederaufgebaut, ist sie heute, im 90. Jahr ihres Bestehens, ein weithin bekanntes und beliebtes technisches Denkmal, daß Besucher aus nah und fern in die Vorharzregion lockt.

Heute kaum noch bekannt ist, daß die Wiege der deutschen Saatzucht in und um Schlanstedt lag, eng damit verbunden sind zwei Namen, August Wilhelm Rimpau und Friedrich Strube. Pionier der Saatzucht war der Schlanstedter August Wilhelm Rimpau, der die bis dato eher mittelalterlich geprägte Landwirtschaft grundlegend modernisierte. Rimpau errichtete in Schlanstedt die erste Zuckerfabrik Deutschlands, eine Brennerei und erschuf mit der Triticale, einer heute noch gebräuchlichen Kreuzung aus Weizen und Roggen, die erste künstlich erzeugte Pflanze der Welt. 1879 gründete Friedrich Strube, der sich teilweise gemeinsam mit Rimpau mit der Saatzucht befaßte, seine eigene Firma, die noch heute existierende Fr. Strube Saatzucht GmbH. Sein Sohn Herman Strube modernisierte ab 1900 die Anlagen.

Da Schlanstedt aber keinen Bahnanschluß hatte, wurde das Fehlen einer leistungsfähigen Verkehrsanbindung immer deutlicher. Also wurde 1915 mit Hilfe französischer Kriegsgefangener eine Wirtschaftsbahn mit 600 mm Spurweite errichtet, die die Speicher und den Hauptwirtschaftshof miteinander und mit dem an der Staatsbahnstrecke Halberstadt - Jerxheim gelegenen Bahnhof Eilenstedt verband. Die Schienen waren eingepflastert und mit Spurhaltern verbunden und ruhten auf einer Packlage aus Kalkstein. Lediglich die "Überlandstrecke" zum Bahnhof Eilenstedt besaß einen normalen Oberbau mit Querschwellen und Schotterbett.

Der Fahrzeugpark bestand ursprünglich aus drei Bn2t-Dampflokomotiven von Jung und Maffei; 30 vierachsigen offenen Güterwagen sowie zwei Flachloren für Bauzwecke. Der Traktionswechsel wurde 1939 durch den Kauf einer Deutz-Diesellok vom Typ OMZ 117F durchgeführt, die Dampflokomotiven wurden kurz darauf verschrottet. Dies soll angeblich etwas unkonventionell vonstatten gegangen sein, laut alten Überlieferungen wurden sie ins Feld gefahren, noch mal kräftig angeheizt und die Sicherheitsventile blockiert. Nun brauchte man nur noch warten, bis es zweimal kräftig knallte... Die Jung-Lok entging dieser "Sonderbehandlung", sie diente fortan als Reservelok.

Mit Kriegsende 1945 wurde die Firma Strube von der SMAD enteignet und wagte im nur wenige Kilometer entfernten niedersächsischen Söllingen einen Neuanfang. In Schlanstedt wurde aus dem ehemaligen Strubeschen Besitz ein volkseigenes Gut (VEG), das sich bis zu seiner Schließung (1990) weiterhin der Saatzucht widmete. Nach Schließung des VEG übernahm die Fr. Strube Saatzucht KG wieder einen Teil der Anlagen. Die Feldbahn war hingegen bereits Mitte der sechziger Jahre stillgelegt worden. Die Diesellok wurde zum Torfabbau nach Mecklenburg verkauft, wo sich ihre Spur verliert. Die Wagen wurden an Ort und Stelle verschrottet, die Jung-Lok ereilte bereits in den fünfziger Jahren dieses Schicksal in Halberstadt. Lange Zeit zeugten nur noch einige Gleisreste sowie die Erzählungen der Schlanstedter von der einstigen Feldbahn.

Eine Museumsfeldbahn entsteht

Am 20. Dezember 1991 wurde der Grundstein für die Wiedergeburt der "Strube-Bahn" gelegt. Es merkte damals nur keiner, selbst die betreffenden Eisenbahnfreunde nicht. Denn es trafen sich wohl einige Eisenbahnfreunde in Schlanstedt, ihr Ziel war aber eigentlich der Aufbau einer Modell-Feldbahn nach Motiven der "Strube-Bahn" für die Heimatstube in Schlanstedt. Die Vorbildstudien wurden bald darauf auf weitere Feldbahnbetriebe der Umgebung ausgedehnt. Und 1992 passierte dann das "Mißgeschick", daß der ganzen Sache eine neue Wendung geben sollte. Im Lokschuppen der kurz vorher stillgelegten Feldbahn des Kalkwerkes Gernrode wurde eine in ihre Einzelteile zerlegte Feldbahndiesellok des Typs Ns1b entdeckt! Mit dem Kalkwerk wurden die künftigen Feldbahner recht schnell handelseinig, und schon bald trat die Lok ihre Reise nach Schlanstedt an. Zuerst war nur eine äußerliche Aufarbeitung der Lok geplant, um sie vor den Heimatstuben als Denkmal aufzustellen, da man ja eigentlich nur eine Modellbahn bauen wollte. Doch wenn man schon eine richtige Lokomotive hat, dann will man damit natürlich auch fahren.

Im Jahr 1993 jedenfalls sah man die Feldbahner nicht beim Kleben von Plastik-Tannen, sondern beim Bergen von Gleismaterial der kurz zuvor eingestellten Feldbahn der Quarzsandgrube Kläden in der Altmark. Im Juli 1993 fand dann anläßlich des Schützenfestes in Schlanstedt auf einigen Metern Gleis der erste Probebetrieb mit der wieder betriebsfähig hergerichteten Ns1b statt. Das mittlerweile wohl keiner mehr an eine Modell-Feldbahn dachte, braucht wohl kaum noch erwähnt zu werden, war doch mittlerweile der Wiederaufbau des Originals in greifbare Nähe gerückt!

Nachdem der Schützenverein den Feldbahnern eine Garage als Domizil zur Verfügung stellte, ging es dann auch los. Am 26. März 1994 war Baubeginn für den Wiederaufbau. Zuvor hatte bereits am 29. April 1993 der Bau des ersten zweiachsigen Personenwagens begonnen. Im Oktober 1994 erhielt der Fahrzeugpark den bislang größten Zuwachs: Von der Ziegelei Bad Freienwalde kamen mehrere Loren sowie eine Diesellok des Typs Ns2f nach Schlanstedt. Nur eine Woche später konnten von der Ziegelei Nordhausen eine weitere Ns2f, eine Jung ZL105, eine Henschel Dg10 IV mit Elektroantrieb, der Rahmen nebst Achsen einer Jung EL105 sowie einige Loren übernommen werden. Weiteres Gleismaterial der Ziegelei Quedlinburg ermöglichte einen weiteren Ausbau der Anlage, und am 3. August 1996 konnte die "Strube-Bahn" Schlanstedt als Museumsbahn wieder eröffnet werden.

Seitdem sind die Strecke (derzeit rund 1 km) und der Fahrzeugpark gewachsen. 1998 übernahm der Verein von einem Privatsammler aus dem erzgebirgischen Rittersgrün eine Jung-Diesellokomotive vom Typ EL 105 und vom Feldahnmuseum Hildesheim einen originalen Dolberg-Rübenwagen. Nach erfolgter Restaurierung soll er im Rahmen des Jubiläums "90 Jahre Strube-Bahn" im September 2005 als Rübenbahndenkmal auf Burg Schlanstedt aufgestellt werden. Nach dem Vorbild des Rübenwagens wurden 2001 im Kolpingwerk Halberstadt zwei Nachbauten für die "Strube-Bahn" gefertigt, die für den Personenverkehr zur Verfügung stehen. Natürlich bieten sich die Rübenwagen besonders für den Pferdebahnbetrieb an, der erstmalig zu Pfingsten 1999 angeboten wurde. Dieser Pferdebahnbetrieb hat aber auch einen handfesten Beweggrund: Als die Fahrgastzahlen der "Strube-Bahn" stiegen, wurde der ursprünglich nur nachmittags durchgeführte Fahrbetrieb bereits vormittags begonnen. Und prompt hagelte es Beschwerden wegen "Ruhestörung". Man wollte halt über Mittag ungestört den Rasenmäher anwerfen... In dieser Situation kam dann der Gedanke auf, sich kurzerhand von einem Bauern der Umgebung ein Paar Pferde zu leihen und über Mittag statt einer "lärmenden" Diesellok vor den Zug zu spannen. Diese Notlösung ist mittlerweile "der Renner" bei der "Strube-Bahn", es hat schon Tage mit reinem Pferdebahnbetrieb gegeben.

Eine weitere Tradition wurde im Juli 2000 begründet, das Feldbahn-Sommerfest, das sich mittlerweile zum größten Feldbahntreffen der Region gemausert hat. Im Mai 2001 konnte dann mit der Lok 3 der Stumpfwaldbahn Ramsen erstmalig seit vielen Jahrzehnten wieder eine Dampflok in Schlanstedt erlebt werden. Am 5. April 2003 gründeten die Feldbahner, bis dahin eine Sektion im Schlanstedter Heimatverein "Sankt Martinus", mit der Feldbahn-Arbeitsgemeinschaft Schlanstedt e.V. (FebAG) ihren eigenen Verein.

Derzeit sind die Feldbahner mit Gleisbau beschäftigt. Der Feldbahnhof ist mittlerweile viel zu klein geworden, daher wird bis 2006 ein komplett neuer Bahnhof gebaut, der dann wesentlich großzügiger sein wird. Neben drei Bahnsteiggleisen und einer festen Fahrzeugverladerampe werden auch Laderampen für den Güterumschlag von der Feldbahn in Fuhrwerke entstehen, an denen einmal hautnah das Funktionieren einer landwirtschaftlichen Feldbahn zu erleben sein wird. Ebenso ist dann der Einsatz der Fuhrwerksbahn vorgesehen, einem Relikt längst vergangener Tage, das es nur noch in Schlanstedt gibt. Dabei handelte es sich um eine Art Rollböcke, die aber nicht zum Transport regelspuriger Güterwagen vorgesehen sind (wäre auf einer Feldbahn mit 600 mm Spurweite auch etwas abenteuerlich), sondern für den Transport von Pferdefuhrwerken (ohne Pferde natürlich). Eine historische Variante der rollenden Landstraße auf Feldbahnspur also. Wobei dabei der Begriff "rollender Feldweg" vielleicht eher angebracht wäre.

Nach Fertigstellung des Bahnhofes steht aber gleich das nächste große Bauprojekt auf dem Plan: Der Bau einer Fahrzeughalle mit Werkstatt. Und dann ist da ja auch noch der Schützenverein, der auch gerne einen Bahnanschluß für sein etwas abseits gelegenes Schützenhaus hätte. Auf alle Fälle wird im September dann erst einmal kräftig Geburtstag gefeiert, mit einem großen Fest und vielen Gästen natürlich. Dabei wird, neben dem bereits erwähnten Rübenbahndenkmal dann auch die Feldbahnstube auf Burg Schlanstedt eröffnet. Und dort schließt sich dann der Kreis. Neben Schautafeln zur Geschichte der Schlanstedter Feldbahnen werden dort auch die in den letzten drei Jahren entstandenen Modell-Feldbahn-Module zu besichtigen sein. Und mit dieser Modell-Feldbahn fing ja im Dezember 1991 alles an... Es ist also etwas los in Schlanstedt, ein Besuch lohnt sich immer.

Feldbahn-Arbeitsgemeinschaft Schlanstedt e.V.
Constantin Schnee
Voigtei 4
38820 Halberstadt
Tel.: 0171 7552754
E-Mail: feldbahn.schlanstedt@web.de
Internet: www.feldbahn-schlanstedt.de


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