Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XVIII)

WC-Linie Walthersdorf – Crottendorf

Wer den Namen der Eisenbahnbahnstrecke Walthersdorf – Crottendorf hört, wird diesen größtenteils mit den deutschlandweit letzten planmäßigen Einsätzen der Baureihe 86 und mit einer fast einmaligen Trassierung in Verbindung bringen. Genau diese Streckenführung der nur 5,18 km langen, am 1. Dezember 1889 eröffneten Nebenbahn war es auch, die Eisenbahnfreunde immer wieder faszinierte. In unmittelbarer Nähe zur Straße und zum Dorfbach ging es teils so knapp an den Häuserwänden vorbei, daß dort kaum Platz für einen Handwagen blieb. Der planmäßige Einsatz der Baureihe 86 endete zum Fahrplanwechsel im Mai 1988. Der letzte Zug verkehrte auf der WC-Linie (Abk. für Walthersdorf – Crottendorf) am 30. Dezember 1996.

Unsere gedankliche Bahnfahrt auf der Strecke anno 2004 lassen wir im nur 1,3 km entfernten Bahnhof Schlettau beginnen, so wie 107 Jahre lang alle Planzüge nach Crottendorf hier begannen. Der Bahnhof präsentiert sich heute, dank der Interessengruppe „Schlettauer Bahnhof“ in einem ungewöhnlich sauberen, von Bewuchs und Unrat befreiten Zustand. Wurden doch seit vergangenem Jahr hier auch schon wieder drei Bahnhofsfeste veranstaltet. Lediglich der im preußischen Fachwerkstil errichtete, vierständige, zweigleisige Lokschuppen aus der Gründerzeit der Bahn ist nunmehr verschwunden. Sein fortgeschrittener Verfall machte den Abriß im Mai 2002 erforderlich. An Gleisanlagen fehlt lediglich die ehemalige Weiche 1 in der östlichen Bahnhofsausfahrt und somit die Anbindung zu den Gleisen der Kopf- und Seitenladerampe.

Angekommen im Abzweigbahnhof Walthersdorf, treffen wir auf zwei Kontraste. Das Bahnhofsgebäude samt angrenzendem Güterschuppen und Nebengebäuden befindet sich seit dem Jahr 2000 im Besitz des Eisenbahnfreundes Claus Schlegel. Was dieser seitdem aus dem Gebäude gemacht hat, ist schon eine Augenweide. Ansonsten ist der Bahnhof keinesfalls mehr als solcher zu erkennen. Die Gleise der Crottendorfer Bahnhofsseite wurden im April 2003 zurückgebaut, der ehemalige Bahnsteig als Unfallquelle samt Lampenanlage entfernt. An der Stelle des einstigen Crottendorfer Gleises lagern heute Schotterberge und Erdaushub, den man bei der Reinigung von Bahngräben gewonnen hatte. Die Abzweigweiche entfiel bei Oberbaumaßnahmen an der Strecke Annaberg – Schwarzenberg am 23. April diesen Jahres.

Im weiteren Verlauf, über eine kleine Gewölbebrücke hinweg, vorbei am noch existierenden Einfahrtssignal, führen uns die rostigen Schienen durch teils schon mannshohes Gebüsch. Das hölzerne Wartehäuschen des am km 1,3 gelegenen Haltepunktes Walthersdorf wechselte bereits im Juli 1997 ins Eisenbahnmuseum Schwarzenberg über. Der folgende Bahnübergang am km 1,52 über die Ortsverbindungsstraße nach Crottendorf wurde im September 2003 ausgebaut. Mit dieser Maßnahme wurde auch der Plan zur Errichtung einer Draisinenbahn endgültig vereitelt, ein Projekt, was im Crottendorfer Gemeinderat auf wenig Gegenliebe gestoßen war.

Die Blechträgerbrücke über den Zschopaufluß kurz hinter diesem Bahnübergang ist noch vorhanden. Eine zweite solche Brücke werden wir später kurz vor dem ehemaligen Endbahnhof am Crottendorfer Rathaus entdecken. Bis zum Ortseingang von Crottendorf liegt die Trasse noch in ihrem alten Verlauf. Erst als wir dort wieder die Hauptstraße erreichen, verschwinden urplötzlich die Gleise auf einer Länge von 150 Metern. Der erkennbare Grund liegt gleich in unmittelbarer Nähe, nur über die Straße hinweg – die Errichtung einer Abwasserkläranlage. Crottendorf hatte dazu Ende 2002 die ehemalige Bahntrasse erworben. Auf dieser wird in großen Teilen der zukünftige Abwassersammler verlegt. Somit spart man aufwendige Straßensperrungen und nutzt das natürliche Gefälle der Strecke. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis die letzten Reste der Epoche Eisenbahn in Crottendorf verschwunden sind. Einzelne weitere Gleislücken bestehen schon jetzt, so durch die Beseitigung von Hochwasserschäden an der Zwingerstraße und bereits seit 1999 durch einen Straßenbrückenneubau am Crottendorfer Park.

Nach dem Bau des Abwassersammlers soll auf der ehemaligen Bahntrasse ein Rad- und Wanderweg mit überregionalem Charakter entstehen. Kosten: 1,085 Mio. Euro. Der Kaufpreis für die Trasse bleibt dabei noch außen vor. Nur als Vergleich: Zur mittelfristigen Erhaltung der Bahnstrecke veranschlagte man im Jahr 1995 eine Summe von 4,857 Mio. Euro.

Widmen wir uns zum Abschluß den zwei ehemaligen Crottendorfer Bahnhöfen. Auch das hölzerne Empfangsgebäude des in Kilometer 3,9 gelegenen unteren Bahnhofes ist seit mehreren Jahren demontiert. Dagegen erinnert der auf der rechten Seite gelegene, aus Naturstein gemauerte und in gutem Zustand befindliche Güterschuppen an die ehemalige Bedeutung als Bahnhof. Auch in Crottendorf oberer Bahnhof hat der Rückbau schon begonnen. So wurden am dortigen Gleisabschluß, im Bereich der Kopf- und Seitenladerampen, die Schienen demontiert. Auch der Bahnübergang in der Einfahrt zum Bahnhof ist ausgebaut und überteert.
Danilo Grund


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